Siebte Stolpersteinverlegung in Amelung- und Kippelbachstraße am 04.09.2026
Siebte Stolperstein-Verlegung ehrt 14 Opfer und stärkt die Erinnerung
Gersfeld, 04. September 2026
Der Rhönklub Zweigverein Gersfeld Gersfeld hat am 04. September einen wichtigen Schritt in seinem Stolpersteine Projekt getan. In einer tief bewegenden Zeremonie, der siebten ihrer Art, wurden 14 neue Stolpersteine verlegt, die die Schicksale der Familien Hommel, Wahlhaus und Morgenroth dauerhaft in den Gehwegen unserer Stadt verankern. Mit dieser Verlegung liegt die Zahl der Stolpersteine in Gersfeld nun bei exakt 110. Unser Ziel ist es, für möglichst viele der 1933 in Gersfeld lebenden Juden ein kleines persönliches Denkmal zu errichten, und diesem Ziel kommen wir dank der Spendenbereitschaft vieler Gersfelder sehr nahe.
Unerwartete Resonanz und tiefe Verbundenheit mit den Nachfahren
Gäste aus Israel, England und den USA waren unsere Ehrengäste, darunter Nachfahren der Familie Hommel, der Familie Morgenroth und der Familie Pachefsky, die bereits zum dritten Mal zu einer Verlegung in Gersfeld zu Gast war. Dies zeigt, wo die Stolpersteine ihren größten Effekt hinterlasse
Drei Familien, drei Schicksale
• Familie Hommel (Amelungstraße): Die Hommels waren eine der ältesten jüdischen Familien Gersfelds und betrieben seit etwa 1848 ein angesehenes Manufakturwaren- und Konfektionsgeschäft. Theo Hommel, der bereits 1920 in das elterliche Geschäft einstieg, wurde als Mitglied einer linken Arbeiterpartei schnell zur Zielscheibe der Nationalsozialisten. Er flüchtete bereits im Oktober 1933 nach Südafrika. Seine Frau Irma und Sohn Philipp Willi folgten 1934, die Eltern Louis und Lina Hommel sowie Tochter Martha folgten nach weiteren Repressalien 1938 bzw. 1936. In Südafrika bauten Theo und Irma ein ähnliches Textilgeschäft auf und halfen vielen Verwandten bei der Flucht. Die Familie Hommel zählt heute 165 Mitglieder, die sich in Südafrika, England, Israel, der Schweiz und den USA niedergelassen haben. Marc und Laurence Hommel aus England sowie Mosh, David, Mickey und Rina aus Israel, Nachfahren von Theo und Irma, waren bei der Verlegung anwesend.
• Familie Wahlhaus (Kippelbachstraße 1): Juda Wahlhaus II war ein angesehener Händler und sogar Stadtverordneter. Nach der Machtübernahme der Nazis und massiven Boykottmaßnahmen, flüchtete Sohn David Wahlhaus mit seiner Frau Therese und den drei Kindern Stephie, Kurt und Manfred im März 1935 nach Palästina. Juda und Veilchen Wahlhaus folgten im Juni 1936, nachdem sie eine Zwangsversteigerung ihres Hofes nur knapp abwenden konnten. In Palästina hatten sie große Schwierigkeiten, David, der Weltkriegs-Veteran und einstige erfolgreiche Viehhändler, arbeitete als Straßenreiniger und verstarb früh.
• Flora Morgenroth (Kippelbachstraße 10): Flora Morgenroth (geb. 1876) lebte allein in ihrem Haus und führte ein kleines Geschäft für Nähbedarf. Als alleinstehende Frau war sie den Anfeindungen der Nazis schutzlos ausgeliefert. Ein Augenzeugenbericht beschreibt, wie sie mit einem Schild "ich bin eine alte Judensau" durch Gersfeld getrieben wurde. Dieses traumatische Erlebnis zwang sie, Gersfeld im April 1935 zu verlassen. Sie wurde 1940 ins Lager Gurs in Vichy-Frankreich deportiert. Dank französischer Archive konnte ihr weiteres Schicksal geklärt werden: Sie wurde 1943 in ein anderes Lager (Douadic) verlegt und verstarb am 4. Oktober 1943 im Alter von 66 Jahren in einem zivilen Krankenhaus in Le Blanc. Ihr Grab hat sich bis heute dort erhalten. Tammy und Gabrielle Pretekin, Nachfahren eines anderen Teils der Familie Morgenroth, waren bei der Verlegung anwesend.
Erinnerung lebendig halten
Unser Projekt ist noch nicht abgeschlossen: Wir erwarten noch 3 bis 4 weitere Stolpersteine zu verlegen. Zudem planen wir QR-Code-Stolpersteine und eine historische Homepage für die Stadt Gersfeld, um die Geschichten der Familien noch erlebbarer zu machen.
Für Mai 2027 ist außerdem die Verlegung einer Stolperschwelle vor dem ehemaligen Kriegsgefangenenlazarett (heute Turnhalle) vorgesehen.
Teilnehmer: ca. 60 Personen
Jan Gutermuth














